Wer versucht, schlauer zu sein als der Markt oder ihn gar versucht stets zu schlagen, hat schon verloren. Selbst der versierteste technische Analyst ist gegen die Irrationalität von Anlageentscheidungen nicht gefeit. Dies lehrt einen nicht nur die eigene Erfahrung, das zeigen vielmehr Erkenntnisse aus dem Gebiet der Behavorial Finance. Darin liegt aber auch eine Chance. Denn wer hingegen sein eigenes irrationales Verhalten erkennen und  anerkennen kann, hat einen klaren Vorteil. Lernen Sie, welchen menschlichen Schwächen Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit unterliegen, warum trotz bester Analysen Investments danebengehen, wo Sie gegen die Gier machtlos sind und wo die Angst überwiegt und welche Lehren Sie zukünftig für Ihre Investmententscheidungen daraus ziehen sollten.

Jeder kennt die Investmententscheidung, die danebenging und einen teuer zu stehen kam. Die Gründe hierfür sind vielfältig, lassen sich aber meist auf zwei reduzieren. Sie haben zwar eine gute Entscheidung getroffen, aber hatten einfach Pech. Oder Sie haben eine schlechte Entscheidung getroffen, die vermeidbar gewesen wäre. Man nennt es auch Fehler.

Anleger handeln nicht rational, so einfach formuliert es die Forschungsdisziplin Behavorial Finance, die sich genau damit beschäftigt und die Hintergründe dazu offenlegt.

Aber was genau sind diese Renditekiller, die durch menschliche, allzu menschliche Schwächen entstehen?

Die Gefahr des eigenen Verhaltens

Das sie das eigene Verhalten etwas kostet, hat unter anderem eine Studie des Finanzunternehmens Vanguard ergeben, die zeigt, dass Anleger denen es gelingt in turbulenten Marktphasen ruhig zu bleiben bis zu 1,5% mehr Erträge verbuchen können als diejenigen, die den menschlichen Schwächen zum Opfer fallen.1

Auch wenn Sie generell zu ruhigem und überlegtem Handeln neigen und sich der Anlegerschwächen bewusst sind, müssen Sie sich immer vor Augen halten, dass eine falsche Entscheidung oder Überreaktion jahrelange Rendite auf einen Schlag vernichten kann.

Weil gutes Investieren dort anfängt, wo Sie die Umstände erkennen lernen, in denen Sie zu schlechten Entscheidungen neigen, zeige ich einige der verbreitesten Investmentfehler auf:

“Kaufen, wenn die Kanonen donnern”, wusste schon Kostolany. Leider halten sich viele nicht daran. Eine der größten Herausforderungen ist es immer noch den Gier-und Angstzyklen zu widerstehen. Viele Anleger unterliegen und kaufen am Höchstpunkt und verkaufen am Tiefstpunkt. Trotz technischer Analyse, die dann subjektive Züge annimmt und Aus- oder Einstiege sieht, wo keine sind. Aber der Hoffnung, dass der Trend sich fortsetzt oder Angst gekoppelt mit Neid einen wichtigen Trend zu verpassen, verleiten dazu doch noch einzusteigen. Dieses Mal ist es etwas ganz anders, so geht der Gedanke im Kopf und schon kann von einem rationalen Investment keine Rede mehr sein.

Zum richtigen Zeitpunkt auszusteigen, Verluste anzuerkennen – diese Disziplin ist unentbehrlich.

Das Gleiche gilt umgekehrt. Glaube, Angst und Gier regieren.

Dahinter steckt was die verhaltensorientierter Kapitalmarktforschung Orientierung an den Artgenossen nennt, oder auch einfach gesagt: Herdentrieb. Der Herdentrieb ist übrigens nicht allein Sache der privaten Anleger. Auch institutionelle Investoren werden sich gut überlegen, ob sie mit einer Analyse, die stark von der der Kollegen oder anderer Marktteilnehmer abweicht, mitgeht. Denn geht sie schief, muss er sich die Frage gefallen lassen.

Die Mär, den Markt zu schlagen

Jeder hört gerne Erfolgsgeschichten. Und die Börse hat viele zu erzählen. (Sie erinnern sich? Survivor Bias lässt grüßen). Geschichten von denen, die zum idealen Zeitpunkt ein- und ausgestiegen sind und in wenigen Jahren zum Millionär wurden. Eine ganze Branche lebt davon. Und das nicht schlecht.

Geschichten vom erfolgreichen “Market Timing” und “Stock-Picking” mögen beeindrucken, doch sie unterschlagen die Kehrseite des einhergehenden Risikos zum einen und die Tatsache, dass einige Studien nahelgen, dass der Versuch den Markt zu schlagen im Schnitt 3% Rendite gegenüber dem Index kostet, den man eigentlich überbieten wollte. Die Kosten, die durch die häufigen Käufe entstehen sind nicht zu unterscheiden. „Viel Hin und Her macht Taschen leer“ – die alte Börsenweisheit hat hier Recht.

Dies führt zum nächsten Bias. Wenn Sie denken: „Das passiert anderen, aber nicht mir“ sind Sie schon mittendrin.

Attribution Bias

Attribution Bias ist die Neigung, den Erfolg den eigenen Fähigkeiten und dem Können zuzuordnen, Misserfolg hingegen den Umständen oder schlicht und ergreifend dem Pech. Bei unseren Mitmenschen hingegen sind wir da weitaus objektiver.

Overconfidence Bias

Man kann es auch einfach Selbstüberschätzung nennen oder die Annahme und feste Überzeugung, man wüsste mehr als alle anderen. Obwohl doch jedem klar ist, dass alle aktuellen Informationen, die im Anlageuniversum herumgeistern, bereits im aktuellen Kurs enthalten sind. Beim Aktienkurs von morgen ergeben neue Informationen einen neuen Mix.

Wenn hierzu nun noch kein ausreichends Feedback kommt oder bewusst nicht eingeholt wird, ist die Gefahr groß sich zu verrennen. Der Glaube an den Erfolg der Entscheidung aufgrund der eigenen Fähigkeiten statt auf externen Einflüssen befeurert dies, denn dies sind genau die Bedingungen die sich bei Investitionsentscheidungen am Aktienmarkt abspielen.

Ein Anleger, der eine aufwändige Analyse zu einem bestimmten Wertpapier erstellt hat, wird eine Veröffentlichung zu eben dieser Aktie als Bestätigung sehen, wohingegen, wenn sie negativ ausfällt wird er sie mit großer Wahrscheinlichkeit ignorieren. Die Tendenz Informationen zu suchen, die die eigene Meinung bestätigen und gegenteilige zu ignorieren ist groß.

Survivorship-Bias

Ja, wenn Sie vor 10 Jahren Apple-Aktien gekauft hätten, wären Sie heute Millionär. Wenn. Wer so denkt, ist bereits dem ersten Bias erlegen: “Vor 50, zehn oder acht Jahren hätte man auch zahllose Aktien von Unternehmen kaufen können, die heute insolvent sind oder gar nicht mehr existieren. Nur, dass von denen heute nicht mehr die Rede ist, denn Sie sehen in der Rückschau nur die wenigen Gewinner.”

Dieses Phänomen ist auch als „Survivorship Bias“ bekannt. Rolf Dobelli beschreibt es sehr gut in in seinem Buch „Die Kunst des klaren Denkens“, dass weil Erfolge größere Sichtbarkeit im Alltag erzeugen als Misserfolge, Sie systematisch die Aussicht auf Erfolg überschätzen.

Wenn Sie beispielsweise den Dow Jones betrachten. Er besteht per se aus lauter Überlebenden (Survivors). Nicht im Aktienindex vertreten – und das ist die Mehrzahl – sind nämlich die Firmen, die zu klein oder rausgefallen sind. Ein Aktienindex repräsentiert nicht die möglich zu erzielende Rendite. Eine ausgesprochen hohe Rendite in einem Einzeltrade ist genau das: Ein Einzeltrade. Die schlechten werden verschwiegen, unter den Tisch gekehrt, aber nicht medienwirksam präsentiert. Wenn also der nächste Börsenstar hochgelobt wird und die Superrendite von über 1000% angekündigt wird, lehnen Sie sich ein Stück zurück und rufen Sie vielleicht kurz das in den Kopf, was Branchen-Insider als 90-90-90 bezeichnen. 90 % aller Anleger verlieren 90% ihres Vermögens in den ersten 90 Tagen.

Verlustangst

Daniel Kahneman, ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Ökonomie, konnte nachweisen, dass Verluste in der Wahrnehmung der Anlieger weit schwerer wiegen als Gewinne – häufig werden sie sogar als zwei bis zweieinhalb Mal so schwerwiegend empfunden wie Gewinne in gleicher Höhe. Diese sogenannte Gewinn/Verlust-Asymetrie führt dazu, dass Anleger entgegen jeglicher Ratio dazu tendieren, Gewinne zu realisiern und Verluste laufen zu lassen. Und auch bei der Bewertung der Gewinne und Verluste reagiert nicht der nüchterne Verstand. Anleger messen sie am Einstandspreis, anstatt z.B. sich an den Hochs und Tiefs früherer Kursverläufe zu orientieren. Bezugspunktabhängigkeit lautet die Diagnose.

Gepaart mit der weiter oben erläuterten selektiven Wahrnehmung führen zu einem gefährlichen Cocktail.

Aber auch wenn Sie zu den Vorsichtigen gehören, sind sie nicht gefeit. Denn auch am anderen Spektrum lauert Gefahr. Viele kleine und zu früh realisierte Gewinne verleiten zur Kontrollillusion. Eine Spirale nach unten. Denn nicht selten entwickelt sich daraus die Overconfidence, die wir schon kennengelernt haben, die zu zu häufigem Handeln (Overtrading), zu hohe Einsätze und zu hohe Risikobereitschaft führen dann zu einem grösseren Verlust. Dieses Phänomen hat einen schönen Namen, nämlich den der „gelernten Sorglosigkeit“.

Wer liegt zu welchem Kurs schief?

Nicht die Behavorial Finance, sondern ein ehrlicher Blick in den Spiegel oder auf das eigene Verhalten, offenbart was den meisten Anlegern vertraut ist. Das Bedürfnis, recht haben zu wollen. Wie oft verstellt es den Blick auf die Realität? Begleitet von dem Wunsch, es allen anderen zu zeigen. Die Kurse sind davon unbeindruckt. Aber auf dem Depot hinterlässt dies Spuren.

Sie sind nicht alleine

Selbst der Kopf hinter der Portfolio-Theorie ist hiervor nicht gefeit. In den 50er Jahren soll er überlegt haben, wieivel Geld er jeweils in Aktien und wieviel in festverzinsliche Wertpapier anlegen sollte. Er wusste, wie die historische Kovarianzen der zwei Anlageformen hätten gebildet werden müssen um dann auf deren Basis ein effizientes Limit zu setzen. Stattdessen trieb ihn die Vorstellung um, was passieren würde, wenn der Aktienmarkt explodieren würde und er nicht dabei sei oder oder in den Keller sacken würde und er hättte alles in Aktien angelegt. Der Wissenschaftler, der einige Jahre zuvor über „Portfolio Selection“ für das Journal of Finance über den optimalen Kompromiss zwischen Risiko- und Renditekalkulation geschrieben hatte, organisierte seine Altersvorsorge 50% – zu 50% zwischen Aktien und festverzinslichen Papieren.

Mit dem Wissen und dem Trost, dass es selbst Nobelpreisträgern nicht gelingt, die Erkenntnis auf sein eigenes Portfolio anzuwenden2, ist der Weg geebnet eben diesem Manko zu begegnen. Es gibt sie, die immer wiederkehrenden Fehler, die gestresste, genervte, verängstigte oder von Gier getriebene Investoren machen. Und sie passieren uns allen.

Aber der große Trost: Alleine das Wissen um die eigenen menschlichen Schwächen und den mangelnden Abstand zu den eigenen Entscheidungen, gerade wenn es um das eigene Geld geht, kann helfen auf den Finanzmärkten besser zu agieren. Objektive Hinweise eines Dritten, können Sie dabei unterstützen klarer und besser zu entscheiden, einen kühlen Kopf zu bewahren und so gut durch die Auf und Abs der Märkte zu navigieren.

 

1https://www.forbes.com/sites/wadepfau/2016/05/03/the-value-of-sound-financial-decisions/#1b56d72e5e3e

2Jason Zweig (2007): Gier – Neuroökonomie: Wie wir ticken, wenn es ums Geld geht

 

Empfehlenswerte Lektüre

Behavorial Finance Portal der Universität Mannheim: https://www.behavioral-finance.de

Dan Ariely: Teuer ist relativ – Warum wir nicht mit Geld umgehen können

 

Autorin

Stephanie Wißmann ist Geschäftsführerin von TRADEofficer (www.tradeofficer.de). TRADEofficer ist das innovative Format für Feierabendtrader, welches mittels eines maschinenbasierten Ansatzes Wertpapiere nach objektiven, mathematischen Kriterien sucht und dem Investor vorschlägt.