In einer Analyse des Chief of Trading Oliver Wißmann lesen Sie, ob diese provokante Aussage möglicherweise wahr werden könnte und erhalten gleichzeitig Handwerkszeug an die Hand um solcherlei Schlagzeilen künftig selbst auch besser einordnen zu können.

 

Stürzt der DAX um rund 1.000 Punkte? Ich möchte Ihnen aufzeigen, wie Sie mit einer standardisierten Vorgehensweise eine Matrix erstellen können, die Ihnen helfen kann, strukturiert eine Analyse zu einem Index zu erstellen.

Zugleich möchte ich Ihnen einige Ansätze bzw. Indikatoren vermitteln, die nicht immer in der täglichen Analyse tiefergehende Berücksichtigung finden und gerade deshalb gerne in unserem Team verwendet werden. Abseits der Mainstream-Analysen sind oft sehr interessante Aspekte zu finden. Dass die Masse nicht immer richtig liegt und kritisches Hinterfragen nötig ist, haben die jüngsten Ereignisse wie Brexit und Trump-Wahl gezeigt.

Hierfür ist es zunächst erforderlich den Ist-Zustand zu bewerten, um dann mittels einer Tabelle objektiver entscheiden zu können, ob es tatsächlich Anhaltspunkte geben könnte für eine größere Korrektur im deutschen Leitindex DAX.

Sie können diese Vorgehensweise auch leicht z.B. in Excel erstellen und so teilweise automatisiert zügig nicht nur den DAX, sondern auch andere Indizes oder auch -mit Modifikationen- Rohstoffe oder Aktien analysieren.

 

Ist-Zustandsanalyse DAX

Der DAX verläuft seit Anfang Februar 2016 in einem größeren intakten sekundären Aufwärtstrend (zur Definition der Trends, vgl. Murphy, Technische Analyse der Finanzmärkte S. 63 ff.) mit zwei ausgedehnteren Korrekturen von Mai bis Juli 2016 sowie September bis November 2016 (vgl. blaue gestrichelte Linie; der große primäre Aufwärtstrend ist in diesem Chartbild nicht eingezeichnet; dieser primäre Aufwärtstrend besteht seit Jahren ungebrochen fort).

Abbildung 1: DAX Performance Index Febraur 2016 bis Mitte März 2017

 

Seit Anfang November 2016 stieg er nunmehr kontinuierlich an, ohne in einem nennenswerten Umfang auf diesem sekundären Trend zu korrigieren.

Im letzten Bewegungsschub von Anfang November 2016 bis zum 15.März 2017 lässt sich ein untergeordneter, tertiärer Trend erkennen (vgl. grüne gestrichelte Linie), der ungebrochen ist.

Aktuell am 15.März 2017 stehen wir an einer interessanten Marke um die 12.000 Punkte und es stellt sich die Frage, wie es nunmehr weitergehen könnte.

 

Hypothese Korrektur im DAX um rund 1.000 Punkte

Im Lichte unserer provokanten Hypothese, könnte nunmehr die Wahrscheinlichkeit gegeben sein, dass der tertiäre oder auch kurzfristige Trend erlahmt und sogar bricht und es zu einer Korrektur um bis zu 1.000 Punkte in den kommenden Wochen und Monaten im sekundären Trend kommen könnte.

Hierzu gibt es mehrere Anzeichen, die dafür aber auch dagegen sprechen bzw. ein neutrales Bild zeichnen.

Aus diesem Grunde prüfen wir im nächsten Schritt einige der Aspekte (Trends, Psychologie, Indikatoren), um dann in einer Tabelle übersichtlich ein Ergebnis für die Wahrscheinlichkeit des weiteren Kursverlaufes bestimmen zu können, wobei jeder Aussage dann ein Ergebnis mit 0 oder 1 zugewiesen wird. Am Ende werden die Punkte addiert und bei mehr als 4 Punkten die jeweilige Kernaussage favorisiert.

 

Acht Anzeichen bzw. Indikatoren zur Bestimmung der gegenwärtigen Verfassung des Marktes.

1)Trend

Der DAX ist im sekundären als auch tertiären Trend ungebrochen, wie das Chart aufzeigt. Ein Trend ist gemäß Definition so lange intakt bis dieser gebrochen ist (s.a. Murphy S. 63ff. a.a.O.) und demgemäß spricht dies gegen eine Korrektur.

 

2)Psychologische Marke und Jahreshoch

Die psychologische Marke von 12.000 Punkte, die zugleich das Jahreshoch aus 2016 und gegenwärtig markiert kann Marktteilnehmer dazu verleiten Gewinne mitzunehmen bzw. mit Neuengagements zurückhaltend zu agieren.

Dies spräche also für eine mögliche Korrektur.

 

3)Kursindex

Der DAX in der geläufigen Darstellung und auch in dem obigen Chart (Bild 1) ist ein Performance-Index, d.h. in die Berechnung fließt auch die Dividendenzahlung und Wiederanlage mit ein. Es ist daher anzuraten – nicht zuletzt um auch eine bessere Vergleichbarkeit mit anderen Kursindizes wie z.B. den Dow Jones oder den EuroStoxx 50 zu erhalten – wenn der Kursindex ebenfalls betrachtet wird.

Wie im Performance Index des DAX haben wir im Grunde ein ähnliches Bild und ebenfalls einen intakten Aufwärtstrend (vgl. blaue und grüne gestrichelte Linie) und sind dabei allerdings noch weit von psychologischen runden Marken als auch Allzeithochs entfernt. So lag das Allzeithoch am 10.04.2015 bei 6.339 und aktuell (Stand 15.03.2017) stehen wir bei 5.816.

Abbildung 2: DAX Kursindex April 2015 bis Mitte März 2017

 

D.h. der Chart des Kursindex spricht ebenfalls eher gegen eine Korrektur.

 

4)RSI

Ein interessanter Indikator, den wir etwas näher betrachten wollen und der sich zur Bestimmung von Überkauf- bzw. Überverkauft-Situationen hervorragend eignet, ist der Relative Strength Index (RSI) nach Wilder.

Dieser Momentumindikator in der Standardeinstellung mit 14-Perioden-Berechnung leistet laut Rene Rose (S. 508 ff. Rene Rose, Enzyklopädie der Technischen Indikatoren) sowie John Murphy (S. 239 ff. a.a.O.) und auch Martin Michalky/Rober Schittler (S. 544, Michalky/Schittler, Das große Buch der Börse) die besten Dienste in der Divergenzanalyse.

Wobei man in diesem Zusammenhang von Divergenz spricht, wenn der Kurs neue Hochs ausbildet, die dann allerdings im RSI nicht mehr von neuen Hochs begleitet werden.
Insbesondere, wenn Werte um oder über die 70 im RSI erreicht werden und dann der RSI bei neuen Kurshochs im zugrunde liegenden Basiswert auf diesem Niveau von rund 70 nicht mehr mitträgt, spricht Wilder in einem Aufwärtstrend von einem so genannten Top Failure Swing bzw. einer bearishen Divergenz (umgekehrt bei einem Abwärtstrend von einen Bottom Failure Swing bzw. bullishen Divergenz).

 

In Bild 1 zum DAX Performance Index sehen wir im unteren Drittel des Charts den RSI. Das Weiteren sehen wir im Chart selbst, dass am 26.01.2017 der DAX ein neues Hoch ausgebildet hat, und der RSI bei 71,89 steht. Am 01.03.2017 erreichte der DAX sein bisheriges Jahreshoch und damit ein neues Hoch im tertiären Aufwärtstrend.
Allerdings erreichte der RSI kein neues Hoch mehr, sondern zeigt mit 66,93 an, dass der RSI sich gegensätzlich zum Kursverlauf nun verhält und damit eine bearishe Divergenz ausbildete.

Dies wäre ein Anzeichen, dass der Kursanstieg sich nicht nur verlangsamen könnte, sondern dass sinkende Notierungen zu erwarten sind und damit möglicherweise eine Korrektur anstehen könnte.

 

5)Ausländische Indizes

Oft ist es auch hilfreich, wenn „man über den Tellerrand blickt“ und andere Indizes aus dem Ausland betrachtet, insbesondere, wenn es sich dabei um Indizes handelt, die starken Einfluss auf den DAX haben. Ein solcher Index ist der S&P500 aus den USA, der ebenfalls ein Kursindex ist.

S&P500 Index

In diesem Chart sehen wir ebenfalls den Zeitraum seit Anfang Februar 2016 bis 15.März 2017. Gleichfalls wie im DAX erkennen wir einen intakten sekundären Aufwärtstrend (vgl. blaue gestrichelte Linie) sowie einen intakten tertiären Trend (vgl. grüne gestrichelte Linie).

Auch hier gibt es vom Trendverlauf grundsätzlich kein Anzeichen eines Trendbruches. Auffällig ist hier jedoch, dass der S&P500 neue Kurshochs in diesem Jahr markiert und der RSI diese Kurshochs mit einem Ansteigen bestätigt und es keine Divergenz gibt. Ganz im Gegenteil die nachgebenden Notierungen im März 2017 werden durch einen fallenden RSI ebenfalls gekennzeichnet.

Im Ergebnis, lässt der S&P500 jedoch noch keine Schlüsse auf eine größere Korrektur zu.

 

6)Einzelaktien

Der DAX setzt sich aus 30 deutschen Unternehmen zusammen und damit haben diese Unternehmen einen direkten Einfluss auf die Entwicklung des Index. Daher ist es ratsam, auch einige Einzelwerte zu analysieren. Dabei ist es nicht erforderlich, alle im DAX enthaltenen Werte zu prüfen, sondern es genügen einzelne ausgewählte Werte.

Gut geeignet sind dabei die beiden „Schwergewichte“ Siemens und Bayer, die zusammen in der Indexgewichtung aktuell (Stand Ende Dezember 2016) rund 18 % der Zusammensetzung des DAX ausmachen und in der Vergangenheit oft einen gewissen Vorläufercharakter hatten bezüglich der Entwicklung des DAX.

 

Siemens

In der Aktie Siemens zeigt sich ebenfalls ein sekundärer und tertiärer Aufwärtstrend (vgl. blaue und grüne gestrichelte Linie) die intakt sind. Gleichzeitig zeigt sich eine bearishe Divergenz seit 02.01.2017 im RSI.

D.h. Siemens bildet hinsichtlich des RSI ein Signal aus, welches für eine Korrektur in der Aktie Siemens und damit auch für den DAX sprechen könnte.

 

Bayer

Auch in der Aktie Bayer erkennen wir einen intakten sekundären und tertiären Aufwärtstrend (vgl. blaue und grüne gestrichelte Linie). Gleichfalls wie in der Aktie Siemens zeigt uns allerdings der RSI eine bearische Divergenz seit 06.01.2017 an. D.h. auch hier würde der Indikator RSI ein erstes Signal senden, dass mit einer Korrektur zu rechnen sei, die dann auch auf den DAX abfärben könnte.

 

7)VDAX New Volatilitätsindex

Ein weiterer interessanter Indikator ist der VDAX New. Dies ist ein Volatilitätsindex der von der Deutschen Börse berechnet wird. Er misst die implizite Volatilität des DAX. Die an der EUREX gehandelten DAX-Optionen liegen der Berechnung zu Grunde, wobei allgemein ein hoher Wert auf einen unruhigen Markt mit erhöhter Schwankungsbreite einhergeht und in der Regel auf kurze Short-Szenarien hinweist und umgekehrt ein niedriger Wert auf eine geringe Volatilität und eher einen ruhigen Long-Markt hinweist.

 

Allerdings liegt die Masse der Marktteilnehmer bei diesem auch so genannten „Angstbarometer“ nicht immer richtig und ein extrem niedriger Wert könnte auf eine zu selbstsichere Situation bei den Marktteilnehmern hinweisen, die dann überrascht werden durch einen schnellen Short-Abverkauf.

 

In den letzten drei Jahren gab es drei Situationen mit einem ähnlich niedrigem VDAX New Wert von 14,60, wie es aktuell der Fall ist. Jedes Mal wenn dieser extrem niedrige Wert erreicht wurde, kam es kurz danach zu einem zügigen Fallen der Kurse mit einem durchschnittlichen Rückgang von rund 1.000 Punkten.
Somit mahnt dieser Indikator ebenfalls zur Vorsicht und könnte auf eine Korrektur hinweisen.

VDAX

 

8)Abstand GD200

Der letzte Indikator, den wir betrachten, um eine Aussage über den DAX treffen zu können, ist ein Konzept, welches aus der Stochastik bzw. Statistik bekannt ist und das vereinfacht ausgedrückt die Regression zur Mitte annimmt. Dabei verhält sich der Kurs eines Basiswertes auf längere Sicht so, dass dieser zu seinem langfristigem Mittel hinstrebt und lediglich nach oben und unten „streut“ (vgl. a. sinngemäß Weisman, S.72, Mechanische Tradingsysteme). D.h. übertragen auf den DAX, dass Übertreibungen nach oben oder unten um den langfristigen Gleitenden Durschnitt wie in diesem Fall der 200 Tage Gleitenden Durschnitt (GD200) wieder korrigiert werden und der Kurs in die Nähe des GD200 zurückkehrt (einen ähnlichen Ansatz mittels Standardabweichung nutzt z.B. der Indikator Bollinger Band mit seinem drei Bändern; vgl. hierzu a. Murphy, S. 214 ff. a.a.O.).

In den letzten Jahren seit 2011 hat der DAX öfters in einem intakten Aufwärtstrend, wenn sich der Kurs vom GD200 mehr als 10 % nach oben entfernte, wieder zurück zu seinem GD200 korrigiert.

Von insgesamt zehn Situationen, in welcher der Kurs des DAX sich extrem vom GD200 nach oben entfernte -innerhalb eines intakten Aufwärtstrends- korrigierte dieser nach +10 % Entfernung sechs Mal wieder in Richtung seines GD200 (vgl. rote Rechtecke). Und bei drei Situationen korrigierte er bereits nach 7 % bzw. erst nach über fast 20 % (vgl. grüne Rechtecke). Jedoch auch bei diesen Situationen ist festzuhalten, dass der DAX korrigierte und wieder in die Nähe des GD200 zurückkehrte und somit sind es im Grunde sogar neun von zehn Fälle.

In der aktuellen Situation und damit der zehnten Situation (vgl. gelbes Rechteck) hat sich der Kurs seit rund drei Monaten ohne nennenswerte Rückkehr zum GD200 nach oben entfernt, obschon der Kurs mehr als 10 % sich nach oben hin weg bewegte.

Mit jedem Tag und höherer Entfernung erhöht sich die Chance auf eine Rückkehr zum GD200 und somit ist auch dieser Indikator mittels Abstandmessung eher als ein Warnsignal zu werten.

 

Tabelle

Indikator bzw. Prüfungsaspekt Bewertung

(0 = spricht gegen Korrektur, 1 = spricht für Korrektur)

1)    Trend intakt

 

0
2)    Psychologie

 

1
3)    Kursindex

 

0
4)    RSI

 

1
5)    S&P500

 

0
6)    Einzelaktien

 

1
7)    VDAX New

 

1
8)    GD200 Abstand

 

1

 

Summe aus 1 – 8

 

5

 

 

Somit ergibt sich nach der Bewertung von acht geprüften Bedingungen bzw. Indikatoren eine Gesamtsumme von fünf aus acht möglichen Punkten.

D.h. insgesamt sprechen ein wenig mehr Aspekte dafür, dass es möglicherweise eine Korrektur innerhalb der nächsten Wochen bis Monate im DAX geben könnte.

 

Fazit und mögliche Vorgehensweise

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich bei der Gesamtbetrachtung des DAX und der geprüften Teilaspekte ergibt, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Korrektur um bis zu 1.000 Punkte etwas höher ist, als dass der DAX weiter ohne jegliche Korrektur steigt.

In Bild 1 im DAX sehen Sie die leicht bevorzugte Annahme (vgl. blauer Prognosepfeil), die eine Korrektur bis in den Bereich von 11.000 möglich machen könnte. Selbst bei so einer Korrektur wäre dann allerdings der sekundäre Aufwärtstrend immer noch intakt. Die Alternative wäre ein sofortiges weiteres Ansteigen und direktes Überwinden der 12.000er Marke mit nur einer minimalen Korrektur von 100 bis 200 Punkten (vgl. grauer Prognosepfeil in Bild 1).

 

Allerdings sollte aufgrund des bisher ungebrochenen sekundären als auch tertiären Aufwärtstrend sowie der Gesamtlage (vgl. Tabelle) eine Short-Positionierung nur als Absicherung für bestehenden Long-Positionen in Betracht gezogen werden.

Keinesfalls würde es sich im Moment anbieten – sofern man keinerlei Long Positionen im Depot hat – eine alleinige Short-Position im DAX aufzubauen, denn dafür sind die Argumente zu schwach und wie wir aus der Vergangenheit lernen können, kann ein Markt auch sehr lange steigen und dies kann teuer werden (vgl. Bild 7 starker Anstieg Januar bis April 2015.).

 

Wer mehr wissen möchte und genauer nachlesen: Hier finden Sie mehr.

Literaturliste

Michalky Martin und Schittler Robert, Das große Buch der Börse, 1. Auflage, 2008

Murphy John, Technische Analyse der Finanzmärkte, 4. Auflage, 2007

Rose Rene, Enzyklopädie der Technischen Indikatoren, 1. Auflage, 2006

Weisman Richard L., Mechanische Tradingsysteme, 1. Auflage, 2009